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Was ist systemrelevante Kunst?

Posted by on 12. November 2011

Der Versuch einer Standortbestimmung

Systemrelevanz sollte eigentlich gute Chancen haben, zum Unwort des Jahres 2011 gekürt zu werden – nach Vorläufern wie Sinkende Neuverschuldung als verschleierndes Synonom für das MEHR Schulden machen oder Kollateralschaden als euphemistische Umschreibung für die Tötung von Zivilisten durch das Militär.

Die Systemrelevanz wurde uns von Politikern und Wirtschaftsfachleuten beschert als Beschreibung von Unternehmen, die zu groß sind, um sie Pleite gehen zu lassen

  • weil zu viele Arbeitsplätze verloren gingen? Eher nicht! Für Rettungsaktionen von Großunternehmen haben die einzelnen Staaten längst nationale Mechanismen entwickelt: Die Allgemeinheit zahlt in Form von Steuergeldern für Missmanagement von Großunternehmen eines Landes.
  • weil sie für die Menschheit lebensnotwendige Produkte herstellen wie Grundnahrungsmittel, Impfstoffe, Medikamente? Mit Sicherheit nicht! Die Nahrungsmittelproduktion ist in Klein- bis Mittelbetrieben organisiert. Geht ein Unternehmen kaputt, so stehen tausende bereit, diese Lücken zu füllen. Die pharmazeutische Industrie könnte systemrelevant sein, ist aber auch mit vielen Firmen besetzt, die konkurrieren. Lücken können schnell geschlossen werden.
  • weil sie Techniken anbieten, die der Zerstörung des Planeten durch den Menschen Einhalt gebieten können? Weit gefehlt! Zwar haben die Firmen, die sich beispielsweise um regenerative Energie kümmern, längst Industriegröße erreicht. Aber auch hier herrscht Wettbewerb; untergehende Unternehmen werden schnell durch neue ersetzt.
  • weil ihr Geschäftsbetrieb die Vermehrung von Geld durch Geld ist? Bingo!

Was ist Geld? Wikipedia definiert:

Geld (abgeleitet vom indogermanischen ghel=Gold und dem althochdeutschen gelt = Vergeltung, Vergütung, Einkommen‘ oder, Wert‘) ist ein Begriff für ein Wertäquivalent. Geld kann in materieller oder immaterieller Form existieren; Geldmünzen und Banknoten stellen beispielsweise materielle Formen von Geld dar, während Bankguthaben und Kreditzusagen zu den immateriellen Geldformen gehören. Die in einem Staat üblicherweise verwendete Geldsorte bezeichnet man als Währung.

Im praktischen Gebrauch ist Geld ein Zwischentauschmittel, das sich von anderen Tauschmitteln dadurch unterscheidet, dass es nicht unmittelbar den Bedarf eines Tauschpartners befriedigt, sondern auf Grund allgemeiner Akzeptanz zu weiterem Tausch eingesetzt werden kann.

Geraten große systemrelevante Banken und Versicherungen in Schieflage, dann droht nach der Aussage der Experten der weltwirtschaftliche Kollaps – wenn das Zwischentauschmittel in einzelnen Wahrungsverbünden oder weltweitan Wert verliert. Dann hetzen Politiker von Konferenz zu Konferenz, werden Lösungsansätze diskutiert, eingeführt und wieder verworfen, die alle nur ein Ziel haben: Den Geldhändlern Geld zu beschaffen. Einige Milliarden hier, einige Billionen dort – die Gemeinschaft der Staaten hat schließlich genügend Steuerzahler….

 

Und was bitte ist Systemrelevante Kunst?

Hinter dieser Kunstwortanleihe steckt nicht etwa der Versuch, einen Künstlergroßkonzern entstehen zu lassen, dessen Pleite eine Weltwirtschaftskrise auslösen würde. Dafür ist die Kunst – bei aller subjektiven Wertschätzung – zu unbedeutend. Aber wir haben bei dem obigen Definitionsversuch der Systemrelevanz gesehen, worum es denjenigen, denen die Staatengemeinschaften mit so viel Vehemenz und so unendlich viel Geld ihrer Bürger beistehen, NICHT geht: Um das Wohl der Menschen, der Menschheit.

Was die Kunst jenseits des Dekorativen kann: Aufmerksam machen, Missstände aufdecken, die Bürger zum Denken anregen. Es gibt hierfür eine Fülle historischer Beispiele: Wer einmal die Schlachtenszenen aus dem ersten Weltkrieg von George Grosz aufmerksam betrachtet hat, weiß, was der Krieg an Gräueln anrichtet. Grosz beschreibt selbst: „Ich zeichnete Soldaten ohne Nase, Kriegskrüppel mit krebsartigen Stahlarmen … Einen Obersten, der mit aufgeknöpfter Hose eine dicke Krankenschwester umarmt. Einen Lazarettgehilfen, der aus einem Eimer allerlei menschliche Körperteile in eine Grube schüttet. Ein Skelett in Rekrutenmontur, das auf Militärtauglichkeit untersucht wird …“ Otto Dix, dessen karikierende Porträts meist die Menschen zum beifälligen Schmunzeln anregen, zeichnete nach dem Erlebten im ersten Weltkrieg eine bedrückende Serie über die Schrecken des (Gas-) Krieges. Vergleicht man die nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen Bilder von René Magritte mit seinen früheren hintergründig- surrealen Arbeiten, so erkennt man den Stil des Malers in dieser angehäuften und herausgeschrieenen Tristesse nicht mehr wieder.

Schafft es die Kunst des beginnenden 21. Jahrhundert auch, über die elfenbeinturmhafte Unverbindlichkeit des rein Formalen, Strukturierten und Informellen hinauszuwachsen und wieder Stellung zu beziehen? Die technischen Möglichkeiten hierzu sind vorhanden, die Themen auch. Man muss sie nur angehen! Das Beispiel des chinesischen Aktionskünstlers Ai Wei Wei zeigt, dass die Weltöffentlichkeit nicht nur am Rande Notiz nimmt von Versuchen, mit Hilfe der Kunst für die Menschen zu agieren, systemrelevant zu werden.

Systemrelevante Kunst ist Kunst, die nicht wegschaut, sich nicht verkriecht, sondern für den Menschen, die Menschheit agiert. Sie kann auf Missstände hinweisen, Lösungsansätze aufzeigen, zu Veränderungen anregen. Eins scheint sicher: Mit dieser Kunst werden sich die Menschen identifizieren können.

2 Responses to Was ist systemrelevante Kunst?

  1. Moses.-

    Hallo Wolf,

    Deine Idee Systemrelevanz mit Kunst zu verknüpfen ist von den gebräuchlichen Zusammenhängen in denen die Wörter benutzt werden enthoben, in neuen Sinnzusammenhang gestellt und damit für mich erstmal auf dem Postament.
    Allein der Gedankengang, sie miteinander zu verknüpfen, sollte als kunstvoll bezeichnet werden.

    Ist es möglich “Systemrelevante Kunst” als Begriff zu etablieren?

    Irgendwie ist das bestimmt ein Spass, der dem Einen oder der Anderen die Ohren ob der Begrifflichkeit öffnet. Doch letztlich geht es um die Werke selber, die imho nicht in Kategorien eingestuft werden sollten.

    Irgendwelche Kleingeister könnten auf die Idee kommen, selbst das Adjektiv zu zerstückeln und es an das Nomen zu hängen. Merkwürde Blüten von Wortschöpfungen und Zuschreibungen wären dann sowas wie:

    Systemkunst
    Kunstrelevanzsystem
    Systemrelevanzkunst

    Da kann man sich dann treflich über Begrifflichkeiten herumwinden – aber worum gehts wirklich? – was glaube ich gar nicht gemeint ist.

    Kunst ist Gut.

    Dieses Gut ist systemrelevant. Das möchte ich nicht auf den Scheitern der Wortklauberei opfern – und das Geniale ist Deine Bewußtmachung.

    Ob man das irgendwie anders machen kann?

    LG Mo

    • Wolf Tekook

      Hallo Mo,
      danke für Deinen sowohl gut formulierten wie wohlmeinenden Beitrag.
      Was mich besonders erfreut ist, dass und wie Du auf die (schon sehr bewusste) Begriffsverschiebung eingehst. Wenn diese dazu beiträgt, mit den Mitteln der Kunst auf gesellschaftsrelevante Themen aufmerksam zu machen und möglichst auch ein Umdenken anzuregen, dann hat die Kunst ihren Platz im “System” gefunden.
      Gruß Wolf

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