browser icon
You are using an insecure version of your web browser. Please update your browser!
Using an outdated browser makes your computer unsafe. For a safer, faster, more enjoyable user experience, please update your browser today or try a newer browser.

Von der Schwierigkeit, Begriffe zu verstehen

Posted by on 16. November 2011

Eine Betrachtung anhand des Begriffes „systemrelevante Kunst“

(als Antwort auf den Eingangsartikel zur Definition des Begriffs)

Wie ist das mit Begriffen im Leben? Wir bezeichnen etwas als ein Auto – und jeder weiß, was für ein Gegenstand dem Begriff Auto entspricht, was also  darunter zu verstehen ist. Wir bezeichnen ein Lebewesen als Mensch – und jeder weiß, was für ein Lebewesen darunter zu verstehen ist. Wir benötigen begriffliche Klarheit, um überhaupt irgendetwas verstehen zu können und miteinander so zu kommunizieren, dass wir auch nur annähernd verstehen, was unser kommunizierendes Gegenüber meint. Denn wir wissen: Kommunikation wird von vielen Faktoren geprägt, von denen die sichere Verwendung und der akzeptierte Gebrauch von Begriffsinhalten eine unverzichtbare Komponente sind, in Wissenschaft und Alltag.

Eine andere ist der Kommunizierende selbst, der uns zuerst einmal als große Unbekannte begegnet und dessen Individualität als fremde Kommunikationskonstante wir nicht kennen. In der Kommunikation selbst befinden wir uns also immer in einem Prozess, der viele Imponderabilien, Unberechenbarkeiten, enthält. Das macht jede Form von  Kommunikation schwierig und auch deshalb gibt uns die Sprache verlässliche, erlernte Bedeutungsebenen für Begriffe mit, als festen Bestandteil von Kulturen. Wir haben sie erlernt und benutzen sie, damit wir wenigstens in Grundzügen in der Lage sind, einander zu verstehen und nicht aneinander vorbeizureden. Dies gilt beim Austausch bloßer Meinungen und Wissen gleichermaßen.

Wie verhält es sich nun bei dem Begriff „Systemrelevante Kunst“? Da ist zuerst der Begriff des Systems. Abseits komplizierter wissenschaftlicher Definitionsebenen wird wohl jeder nachvollziehen können, wenn hier als ein System ein Beziehungsgeflecht verstanden werden soll, in dem die einzelnen Elemente strukturell so verknüpft sind, dass sie voneinander abhängig sind und damit garantieren, dass das System lebendig bleibt und überlebt.

Nehmen wir als Beispiel eines Systems den Menschen selbst, dann ist klar, dass alle seine Teile dazu beitragen, das System zu erhalten. Es ist aber auch sofort klar, dass es innerhalb des Systems unverzichtbare Teile gibt. Diese Teile sind systemrelevant, denn sie garantieren das System. Ohne einen Arm können wir leben, ohne ein Herz nicht.

Wenn wir den Begriff Kunst nicht weiter in Frage stellen, sondern ihm die wohl übliche Bedeutungsebene schöpferischer Arbeit im Bereich von Dichtung, Malerei, Musik und anderen Künsten zugrunde legen, dann ergibt sich für mich zuerst die Frage: Welches System ist gemeint? Für welches System wird Kunst als systemrelevant definiert? Welches System der vielen möglichen Systeme ist so angelegt, dass Kunst ein unverzichtbarer Faktor ist, der das Überleben gewährleistet, ja garantieren kann?

Darüber sagt der Begriff nichts aus. Er lässt also im Unklaren, was er meint. Wir können nur vermuten, was gemeint sein könnte, werden quasi aufgefordert, in Gedanken mit dem Begriff zu spielen. Wir können ihn nach Gusto füllen. Damit ist der Begriff beliebig und nicht aussagekräftig – aber: Er ist perfekt für jede mögliche Interpretationsebene einsetzbar. Er entwickelt die Qualität eines Gummiparagraphen. Damit wird er politisch einsetzbar, und genau das ist hier auch geschehen. Der Begriffsschöpfer gibt auf dieser Seite seine ganz persönliche Interpretation von systemrelevanter Kunst innerhalb seines politischen Meinungsspektrums.

Politische Ansichten mag man teilen oder nicht. Die Systemrelevanz der Kunst jedenfalls wird damit von ihm als reiner Wunsch- und Glaubenssatz postuliert:  „Systemrelevante Kunst ist Kunst, die nicht wegschaut, sich nicht verkriecht, sondern für den Menschen, die Menschheit agiert. Sie kann auf Missstände hinweisen, Lösungsansätze aufzeigen, zu Veränderungen anregen. Eins scheint sicher: Mit dieser Kunst werden sich die Menschen identifizieren können.“

Inhalt und Art und Weise der optischen Präsentation dieser Aussage suggerieren den Eindruck: Nur politische und sozialkritische Kunst sei Kunst, mit der sich Menschen identifizieren können, ja: sie agiere sogar für die Menschheit. Dies nicht als diskriminierend allen anderen Künstlern gegenüber zu empfinden, fällt schwer – es sei denn, der Verfasser akzeptierte die oben entwickelte begriffliche Auslegung des Begriffes der systemrelevanten Kunst als eines beliebig mit Inhalten zu füllenden Begriffes. Dann wäre es ein Leichtes, diese Äußerungen als persönlich einzustufen und damit persönlicher Meinungsfreiheit zuzuordnen, über die man in einer freien Gesellschaft immer streiten soll und darf.

Wer politische Inhalte mit seiner Kunst transportieren und kritisieren will, ist frei das zu tun. Aber er macht keine „moralisch“ bessere Kunst. Wer politische Inhalte nicht mit seiner Kunst transportieren und kritisieren will, ist ebenso frei das zu tun, ohne von den Berufskollegen den „Makel“ der „rein plakativen Kunst“ aufgezwungen zu bekommen und damit in die moralische und ethische Belanglosigkeit argumentiert zu werden.

Ein weiterer Gedanke scheint mir in diesem Zusammenhang wichtig: Wenn der politisch agierende Künstler sich mit seiner politischen Kunst äußert, ist das zuerst einmal nicht Kunst, sondern politische Meinungsäußerung mit den Mitteln der Kunst. Dabei tritt aber die Kunst in die zweite Reihe. Sie wird zur Helferin, zur Partnerin, zur Freundin, zum Medium vielleicht, wenn es darum geht, auf Missstände aufmerksam zu machen. Wenn er sich mit seiner Kunst in Parteien und Organisationen bewegt, ist er Teil eines politischen Prozesses als Bürger und Mensch, setzt seine Kunst als Instrument ein und lässt sie als Instrument einsetzen.

In all diesen Fällen mag die Kunst systemrelevant sein, systemrelevant für das Denkgebäude und die geistigen Entwicklungspotentiale eines Künstlers, dem gerade diese Inhalte am Herzen liegen, systemrelevant für den Künstler selbst.

2 Responses to Von der Schwierigkeit, Begriffe zu verstehen

  1. Johanna Renate Wöhlke

    Wolf, lieber und geschätzter Freund, nehmen wir Dich beim relevanten Worte :)

    1. Du hast einem schon vorhandenen Begriff ein – wie Du sagst – nuancierendes Adjektiv beigefügt und das nicht erklärt und keine Stellung bezogen zu meiner wesentlichen Aussage, dass es sich bei Deiner Definition um eine durch Meinung und Glauben geprägte Begrifflichkeit handelt. Nur nuancierendes Adjektiv? Das Adjektiv definiert den Inhalt des Substantives! Wie steht es mit der Wirkung von kochendem und kaltem Wasser? Ich führe jetzt mal den Begriff „lachendes Wasser“ ein. Macht lachendes Wasser Sinn? Es macht aber sehr wohl Sinn, Wasser in Bezug auf das Leben auf der Erde als systemrelevant zu bezeichnen. Entweder, etwas ist für ein System relevant oder nicht. Die Grammatik zu bemühen, scheint mir keine Antwort zu sein, eher ein Umgehen der Antwort …

    2. Gott sei Dank, der von Dir nicht gemeinte Absolutätsanspruch – freut mich sehr – basiert nicht auf dem Gegensatzpaar „systemrelevante Kunst“ und „künstlerische Systemrelevanz“. Wenn Kunst wirklich so wichtig für alle ist ohne Unterschied, wie Du es ja sagst, dann wäre die Kunst insgesamt IMMER systemrelevant und systemrelevante Kunst – extra so benannt – wäre eine überhebliche Eingrenzung der Kunst auf nur ein Teilgebiet unter Abqualifizierung aller anderen Bereiche der Kunst.

    3. Aber ich muss gar nicht weiter schreiben, denn: Du hast den modernen Erfolg schon jetzt auf Deiner Seite und zwar so schnell und so total, wie es nicht schneller geht: Wer bei google „Systemrelevanz“ eingibt, bekommt an Platz Nummer 3 auf der Eröffnungsseite sofort Eure Homepage. Exzellente Strategie. Gratulation. DAS ist perfektes Nutzen des Systems für Eure Kunst! Das würden sich viele, viele andere Unternehmen wünschen. Eine Seite für die Kunst und Kunstdiskussion an erster Stelle im www! Chapeau! Wunderbare Idee von Dir!

    Ich wünsche Euch allen ALLEN Erfolg! Wir werden diskutieren.

  2. Wolf Tekook

    Danke für diesen wichtigen Beitrag, Johanna!

    Zunächst einmal zur Definition/Erschaffung des Begriffs “systemrelevante Kunst”: Am Anfang meines Beitrags, auf den Du Dich beziehst, habe ich Beispiele für Neologismen angeführt, wie sie die Politik erschuf, um Dinge auszudrücken, sie jedoch gleichzeitig zu verschleiern, wie “sinkende Neuverschuldung” oder “Kollateralschaden”.
    Ein solches Vorgehen – das Neuerschaffen von Begriffen – ist legitim und in einer lebendigen Sprache notwendig, um diese an sich wandelnde (Lebens-) Bedingungen anzupassen. Ein berühmtes Beispiel aus der Antike liefert Cicero, der es unternommen hat, die Prinzipien griechischer Philosophie in das Lateinische zu übertragen. Da dies vor ihm noch niemand unternommen hatte, musste er eine Fülle von Begriffen durch Umschreibungen oder die Schaffung ganz neuer Worte an seine Muttersprache anpassen. Die auf ihn folgenden Autoren übernahmen seine Wortschöpfungen, die damit Eingang in die lateinische Sprache fanden.
    Auch der Terminus “systemrelevante Kunst” ist eine solche Neuschöpfung mit bewusster Annäherung an die “systemrelevanten Banken” – mit dem entscheidenden Unterschied, dass bei den Banken das Geld, bei der Kunst der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt steht. Dies wurde in meinem Artikel versucht zu erläutern.

    Wo ich nicht zustimmen kann, ist der von Dir postulierte Absolutätsanspruch. Wir vertreten nicht die Meinung, dass NUR systemrelevante Kunst im Sinne der obigen Definition Kunst ist. Genau deshalb heißt es “systemrelevante Kunst” und nicht “künstlerische Systemrelevanz”. Das Substantiv gibt den Hauptbegriff vor, das Adjektiv nuanciert; und so soll die systemrelevante Kunst gleichberechtigt, aber nicht erhoben, neben etwa der informellen Kunst, der Konzeptkunst, der impressionistischen oder der abstrakten Kunst stehen. ALLE Kunstrichtungen haben ihre Bedeutung, ihre Protagonisten und ihre Anhänger, keine darf einer anderen überlegen sein. Wer sich als Künstler entscheidet, dekorative Kunst für das heimische Wohnzimmer zu machen, hat keinen anderen Stellenwert als der Bildhauer, der eine Heldenskulptur zu Ehren von Kriegstoten meißelt oder ein Zeichner, der mit seinen Bildern auf soziale Missstände aufmerksam macht.

    Zur letzten These: Wenn sich ein Künstler mit seinen Mitteln zur Politik äußert, wird er dadurch nicht zum Politiker, sondern bleibt Künstler. Würde man umgekehrt einen Politiker zum Künstler befördern, wenn er bei der Einweihung etwas des geplanten Denkmals zur deutschen Wiedervereinigung zum Kunstwerk Stellung bezieht? Auch hier gilt die grammatikalische Regel: Das Substantiv ist die Hauptsache, adjektivische Ergänzungen differenzieren die Hauptaussage.

    Noch einmal Danke für Deine Gedanken, die vielleicht ein wenig zur begrifflichen Klärung beitragen.

    Wolf

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>